Nach dem verlorenen Finale von 2006 und der deutlichen Niederlage in der Vorsaison unternimmt der FC Arsenal in der Champions League den nächsten Versuch, endlich am FC Barcelona vorbeizukommen. Der Optimismus bei den "Gunners" ist vor dem Rückspiel am Dienstag (08.03.11) in Barcelona so groß wie nie - die Gründe, warum der Coup gegen die Katalanen klappen könnte.


Arsene Wenger - der Blick geht nach vorn

Wengers Gewinnertaktik
Europas Presse feierte beide Teams nach dem spektakulären Hinspiel für ihre hohe Spielkultur und vor allem den unermüdlichen Offensivgeist. Doch auf den FC Arsenal traf dies nur bedingt zu. Abgesehen von ein paar stürmischen Minuten jeweils zu Beginn der Halbzeiten machten die "Gunners" nicht den Fehler, den Erfolg komplett in der Offensive zu suchen. Stattdessen erkannten sie Barcas spielerische Dominanz im Mittelfeld an. Bei Ballbesitz der Katalanen schaltete Arsenal konsequent auf ein kompaktes 4-5-1 System um, mit einer weiteren Viererkette vor der Abwehr und dem zentralen Offensivspieler Cesc Fabregas als ersten Abfangjäger.


Torschütze im Hinspiel: Andrej Arschawin

Stellenweise erinnerte dies an die im Vorjahr erfolgreiche Taktik von Inter Mailand unter José Mourinho, der damit auch Barcas Angriffsmaschinerie stoppte. Auch Arsenal wartete geduldig auf Freiräume und die Chance zum Kontern, um dann bei Balleroberung die Katalanen mit schnellen Vorstößen über die Außenbahnen zu überrumpeln. So entschied Arsene Wengers Team die Partie am Ende für sich. Für Arsenals Coach gibt es eigentlich keinen Grund, die vor eigenem Publikum erfolgreiche Taktik nicht auch im Camp Nou anzuwenden.

Mehr Stabilität in der Defensive
Wenger hat vor dem Duell mit Barca der Defensive entscheidende Bedeutung zukommen lassen. Das letztjährige Viertelfinale ist in London noch in schmerzlicher Erinnerung, als die "Gunners" von den Katalanen drei Halbzeiten lang vorgeführt wurden und am Ende chancenlos in der Aggregation mit 3:6 untergingen. Doch da durfte sich etwa noch ein alternder Mikael Silvestre gegen Lionel Messi und Co. versuchen. In dieser Saison wirkt Arsenals Defensive mit den körperlich robusten Johan Djourou, Laurent Koscielny oder Thomas Vermaelen im Zentrum insgesamt stabiler. Im Tor hat Wojciech Szczesny den unsicheren Manuel Almunia ersetzt.


Jack Wilshere (li.) im Duell mit Andres Iniesta

Der Schlüsselspieler in Wengers Defensivkonzept ist aber Jack Wilshere. Der 19-Jährige wird auf der Insel als das größte Mittelfeldtalent seit Paul Scholes gefeiert. Im zentralen defensiven Mittelfeld, der wohl wichtigsten Position im modernen Fußball, bringt der Jung-Nationalspieler schon eine ähnliche Spielintelligenz mit wie United-Legende Scholes. Wilshere ist stark in der Balleroberung wie auch in der Spieleröffnung. Im Hinspiel verdarb er Barcas Mittelfeld-Lenker Xavi und Andres Iniesta erfolgreich den Abend, zur Belohnung bekam er hinterher die Trikots von Beiden. "Wir haben viel aus dem letzten Jahr gelernt. Wir wissen, dass wir aggressiver verteidigen müssen, das haben wir großartig umgesetzt", sagt Wilshere, das neue Gesicht von Arsenals Jugendstil. Das Team mit einem Durchschnittsalter von knapp über 23 Jahren besitzt auch die läuferische Stärke, Ball und Gegner über 90 Minuten zu jagen.

Arsenal wirkt mental stärker
Seit Jahren kämpft Wengers hochbegabtes Team gegen den zweifelhaften Ruf, dass ihnen in den entscheidenden Spielen immer wieder die nötige Wettkampfhärte fehlt. Die unglückliche Niederlage im Ligapokalfinale gegen Birmingham Ende Februar schien dies einmal mehr zu bestätigen. Doch die "Gunners" haben in dieser Saison mehrfach bewiesen, dass sie derartige Rückschläge besser wegstecken können als früher. Das Team wirkt robuster und willensstärker. In der Liga ist Arsenal als einziger Verfolger von Spitzenreiter Manchester United übriggeblieben. Anders als in den Vorjahren traut man ihnen nun auch ernsthaft den Titel zu. BBC-Experte und Liverpool-Idol Alan Hansen, seit Jahren einer der größten Kritiker der Schöngeister aus Nord-London, schwärmt von Arsenals neuer mentaler Stärke. "Je länger die Saison dauert, desto beständiger, stärker und vor allem reifer wirken sie." Dass ihnen erstmals auch ein Sieg gegen Barca gelungen ist, dürfte den "Gunners" weiteres Selbstvertrauen geben. "Arsenal ist nicht länger der beste Verlierer, sie kämpfen jetzt wie echte Champions", lobte auch die spanische Zeitung El Pais.

Respekt vom großen Barca
Den Entwicklungssprung beim Gegner mussten auch die Katalanen anerkennen, die zur Neuauflage noch mit der Erinnerung an den klaren Sieg aus dem Vorjahr angetreten waren. "Wir sind mit dem Gefühl der Überlegenheit ins Spiel gegangen", räumte Xavi nach dem Hinspiel ein. "Umso bitterer war die Niederlage." Nach Barcas Pleite in London durften sich all jene bestätigt fühlen, die dem traumwandlerisch sicheren Kombinationsspiel von Xavi, Messi und Co. Züge von Selbstgefälligkeit und Übersättigung nachsagen. "Barca ist verzaubert vom eigenen Fußball", ätzte die Madrider Sportzeitung AS. Im Hinspiel wurden Barcas selbstverliebte Künstler von den entschlossenen "Gunners" abgestraft. Wengers Kanoniere haben dabei ein weiteres Etappenziel erreicht, das vor dem Rückspiel psychologisch unter Umständen mehr wiegt als der knappe Vorsprung: Sie haben den Respekt des Gegners gewonnen, Barca fühlt sich nicht mehr unverwundbar.

Barcas Schwächen aufgedeckt
Barca-Legende und Taktikflüsterer Johan Cruyff warnte schon vor dem Hinspiel vor Arsenals schnellen Außenspielern mit dem Laufpensum eines "Turbo-Motors" (Cruyff). Diese Sorgen wurden bestätigt, denn Arsenal deckte die Schwächen in Barcas Defensive, vor allem bei schnell vorgetragenen Kontern, gnadenlos auf. Die Außenverteidiger Dani Alves und Maxwell waren gegen die wieselflinken Samir Nasri, Theo Walcott und später auch Andrej Arschawin überfordert. Zwar fehlen Walcott und auch Sturmspitze Robin van Persie im Rückspiel. Doch mit Nicklas Bendtner und Marouane Chamakh hat Wenger noch weitere gefährliche Angriffsoptionen. Zudem ist Barcas Defensive durch den Ausfall des gesperrten Innenverteidigers Gerard Pique weiter geschwächt. Und auch Kapitän und Abwehrchef Carles Puyol fehlt noch immer verletzt. Seine Erfahrung und Präsenz sind für Barca eigentlich unersetzbar, wie ein Blick in die Bilanz zeigt: Bei allen vier Spielen, die Spaniens Vorzeigeklub in der laufenden Saison verloren hat, fehlte der Anführer.
Quelle: Sportsch.Online - Stand 08.03.11