Ein Jahr voller Entscheidungen
Joachim Löw hat als Bundestrainer ein Jahr der Extreme hinter sich. Unruhige Wochen bescherten ihm der Streit mit der DFB-Spitze um seine Vertragsverlängerung sowie die Verletzung Michael Ballacks vor der WM und die daraus resultierende Kapitänsfrage. Die begeisternde Weltmeisterschaft in Südafrika und die bislang überzeugenden Auftritte in der EM-Qualifikation retteten das Jahr für den Bundestrainer. Doch 2011 stehen dem 50-Jährigen viele kniffelige Entscheidungen bevor.


Bundestrainer Joachim Löw muss die Entwicklung seiner Mannschaft vorantreiben

2011 wird auch ohne großes Turnier ein Richtung weisendes Jahr für die Nationalmannschaft, denn Löw muss die Weichen für die Europameisterschaft 2012 stellen. Dann will er endlich seinen ersten Titel mit der Nationalelf holen und die deutsche Durststrecke von dann 16 Jahren ohne EM- oder WM-Triumph beenden.

Es gab in der deutschen Mannschaft zuletzt viele positive Aspekte, die Löw in der Sportschau zu einer mutigen Aussage verleiteten: "Es wird der Tag kommen, da werden wir die Spanier schlagen." Doch es gibt auch viele Probleme. sportschau.de blickt voraus, welche Hürden der Bundestrainer nehmen muss und welche Möglichkeiten er dabei hat.

Michael Ballacks Rückkehr
Als der Ausfall Michael Ballacks vor der Weltmeisterschaft Gewissheit wurde, hakten viele Fans die WM fast schon ab. Dass es ohne ihn geht, hat die Mannschaft jedoch in Südafrika und nach der WM eindrucksvoll bewiesen. Dass muss wiederum keineswegs bedeuten, dass Ballack nicht mehr benötigt wird. "Ich habe ihn nicht abgeschrieben. Er hat Großes für Deutschland geleistet. Ich bin davon überzeugt, dass er es wieder schafft." Wenn Ballack wirklich nochmal zurückkommt, hat Löw ein Problem. Denn dann muss er ihn in eine Einheit integrieren, die während einer fast einjährigen Abwesenheit des Kapitäns gewachsen ist.

Die Kapitänsfrage

Philipp Lahm gefällt sich in der Rolle des Kapitäns

Das für Löw nervige Thema kehrt spätestens dann auf die Tagesordnung zurück, wenn Ballack wieder ernsthaft in die Mannschaft drängen sollte. Je weiter entfernt dieser Tag liegt, umso schwieriger wird Löw die Entscheidung fallen, Philipp Lahm die Binde wieder abzunehmen. Ganz zu schweigen davon, dass er diese Entscheidung dann der Mannschaft und der Öffentlichkeit plausibel machen müsste.

Der Nachwuchs
Mit den zahlreichen jungen Spielern, die beim letzten Spiel 2010 in Schweden im Kader standen, zeigt sich die aktuelle Stärke des DFB im Nachwuchsbereich. Die deutsche Mannschaft erwartet die Ankunft der goldenen Generation der U 17-, U 19- und U 21-Europameister. Schon zur WM aber fanden Spieler wie Özil, Müller oder Badstuber den Weg ins Team. Der Konkurrenzkampf wird immer härter. "Für den Bundestrainer wird die Auswahl immer schwieriger, für die Nation ist es aber gut", sagt Löw. Er wendet aber auch ein: "Diese Spieler sind nicht dabei, weil sie jung sind - sondern weil sie Qualität haben." Es ist schon jetzt abzusehen, dass bei der Benennung des Kaders für die EM 2012 einige harte Entscheidungen fallen werden.

Gelegenheiten, den Ernstfall zu proben, hat Löw 2011 mehr als genug. Denn neben den sechs ausstehenden EM-Qualifikationsspielen bestreitet die Nationalmannschaft sieben Freundschaftsspiele. In denen tritt die deutsche Mannschaft gegen Polen und Australien, aber auch gegen die namhaften Mannschaften von Brasilien, Argentinien, Uruguay und gleich zwei Mal gegen Italien an. "Die Auswahl der Gegner haben wir bewusst getroffen. Wir brauchen solche Gegner auch für die jungen Spieler, um da weiterzukommen."

Die linke Abwehrseite

Marcel Schmelzer weckt Hoffnungen als linker Verteidiger

Die Position des linken Außenverteidigers bleibt die große Dauerbaustelle der Nationalmannschaft. Philipp Lahm hat sich längst für die rechte Seite entschieden, einziger Kandidat ist derzeit Marcel Schmelzer, auf dem nun die Hoffnungen ruhen. Doch diese Konstellation ist gefährlich: Sich auf einen einzigen Spieler verlassen zu müssen, birgt große Risiken bei Verletzungen oder Leistungstiefs. Außerdem hat Schmelzer sich noch nicht gegen die ganz großen Gegner beweisen können. Das Spiel gegen Schweden lässt wenig Rückschlüsse zu, Schmelzers Feuertaufe steht noch aus. Löws Bewertung in Schweden fiel nüchtern aus: "Er hat seine Aufgabe gut gelöst für das erste Spiel."

Die Torwartfrage

René Adler war vor der WM die Nummer eins und will es wieder werden

In Schweden stand erstmals seit Monaten wieder René Adler im Tor, der seine WM-Teilnahme und seinen Status als Nummer eins durch einen Rippenbruch an Manuel Neuer verloren hatte. Der Schalker ist durch seine gute WM klarer Platzhirsch als Schlussmann. Adler muss nun zunächst den Zweikampf gegen Tim Wiese um den Stellvertreterposten bestehen, um Neuer wieder angreifen zu können. Bringt sich Adler in Stellung, steht Löw vor einer weiteren schwierigen Entscheidung, falls Neuer ausfallen oder in einem Leistungstief stecken sollte. Denn schließlich ist Adler im Mai 2010 noch Löws WM-Torwart gewesen - bis plötzlich Neuers Stunde schlug.
Quelle: Sportsch.Online // Stand war der 19.11.10